Gedanken, Grüne Mode

Primark-Skandal

Eingenähte Hilferufe führen zu heftiger Diskussion um den Billiganbieter

Es ist nun schon ein paar Tage her, die Nachricht hat Dank facebook und Twitter jeder mitbekommen und jeder hat sich dazu auch schon eine Meinung gebildet. Und ich vermute, dass ist in etwa so die gleiche wie vorher. Und genau deswegen habe ich mich entschlossen, einen längeren Beitrag zu schreiben: Weil mich die Argumentation von Primark-Befürwortern und -Verteidigern aufregt. Ob die Zettel nun wirklich von Arbeitern eingenäht worden sind oder nicht, ändert nichts daran, weil es nichts daran ändert, dass Primark bei den Preisen nicht unter guten Bedingungen (was wohl Definitionssache ist) produzieren kann, schlechte Qualität produziert und die Wegwerf-Mentalität unterstützt, die sowohl der Umwelt als auf den Arbeitern in der Textilindustrie schadet und selbst dem Träger, sowie dem Designer nicht würdig ist.

Wer übrigens gar nicht weiß, worum es eigentlich geht, kann das z.B. hier nachlesen. Und hier kann man noch mal etwas über den vermeintlichen Wahrheitsgehalt lesen.

Ich persönlich glaube übrigens nicht unbedingt, dass die Zettel „echt“ sind. Das mag jetzt den ein oder anderen schockieren, aber nur weil man einen Blog über nachhaltige Mode schreibt muss man nicht alles glauben, im Gegenteil. Aber ich möchte ich es auch nicht bestreiten. Wir werden es wohl nie wissen, Primark wird gute Anwälte einsetzen und wenn nicht noch mehr Zettel oder passendes Bildmaterial aus den Fabriken auftauchen, wird die Sache leider auch bald wieder vergessen sein. Ich halte es für möglich, dass ein Näher oder eine Näherin über das entsprechende Bildungsniveau verfügt, denn man kann auch mal zu der geringeren Prozentzahl eines Landes gehören. Und meiner Ansicht nach wäre es auch möglich, dass ein Arbeiter das Risiko eingeht, arbeitslos zu werden und es schafft einen kleinen Zettel ohne erwischt zu werden aufzunähen. Ich halte es aber für unwahrscheinlich.
Für wahrscheinlicher halte ich es einfach, dass es eine Guerilla-Aktion von Primark-Gegnern ist. Möglich wäre aber auch, dass sich Konkurrenten gegen Primark einschalten. Man sollte bedenken, dass der Umsatz anderer Unternehmen unter Primark leidet.

Wenn die Zettel „echt“ sind, ist natürlich ziemlich gruselig und ich kann die ganze Aufregung verstehen. Da klebt ja quasi direkt Blut dran und jetzt bekommt man es mal richtig unter die Nase gerieben. Nur frage ich mich, was ein Primark-Einkäufer denn erwartet? Und wieso ging die Meldung des Einsturz von Rana Plaza, wo auch Primark produziert hat, eigentlich nicht so stark über facebook und Twitter, also über den Konsumenten? Vermutlich, weil Rana Plaza irgendwo in Bangladesch liegt und die Klamotten mit eingenähtem Hilferuf im eigenen Zimmer. Ziemlich gute, wenn auch krasse und vielleicht auch moralisch fragwürdige Aktion (wenn es nicht wahr ist), den Konsumenten mal zum Nachdenken zu bringen!
Schade wäre aber, wenn sich Billiganbieter-Befürworter von einer solchen krassen Aktion abschrecken ließen, darüber nachzudenken, was sie da eigentlich kaufen.

Egal ob wahr oder nicht, es ändert nichts daran, dass Billiganbieter ihre Preise irgendwie so niedrig drücken müssen. Das kann geschehen über:

  • das Material (es werden Stoffe minderer Qualität verwendet, die dann auch nicht so lange halten)
  • die Färbung und Ausrüstung der Materialien und Entsorgung der Chemikalien (kann umweltschädlich und sogar gesundheitsschädlich sein)
  • die Verarbeitung (schnell kann nun mal nicht so gut verarbeitet sein, selbst wenn man gut nähen kann, außerdem gibt es Länder die einfach schlechter verarbeitete Ware produzieren und deswegen auch billiger sind; die Folge davon ist natürlich auch, dass ein Kleidungsstück nicht so lange hält)
  • die Produktionsbedingungen (vermutlich werden hier, wenn überhaupt, nur die gesetzlich festgelegten Standarts eingehalten, was aber leider nicht heißt, dass sie gut sind)
  • unbezahlte Überstunden (und wer die nicht macht, fliegt raus)
  • der Lohn (selbst wenn die gesetzlich festgelegten Mindestlöhne eingehalten werden, liegen sie meist deutlich unter dem, wovon man leben und eine Familie ernähren könnte)
  • größere Abnahmen (wer ein Kleidungsstück in Massen produzieren lässt, bekommt es billiger, weil weniger Neu-Aufwand und weniger Kosten beim Material)
  • Marketing (Billiganbieter können auch so billig sein, weil sie weniger Geld in Marketing stecken)

Man kann also schon davon ausgehen, dass Billiganbieter meistens genau an der unteren Grenze liegen und nur genau so viel einhalten, wie gesetzlich gerade noch möglich ist, wenn überhaupt. Und das ist eben auch das fragwürdige an solchen Anbietern: Sollte man Kleidung kaufen, die nur eine Saison hält, sollte man Unmengen an Kleidung kaufen, obwohl man sie dann nicht oft trägt und schon gar nicht braucht? Beides führt dazu, dass mehr produziert wird, was wiederum der Umwelt schadet und unter schlechten Bedingungen geschieht. Sollte man Kleidung kaufen, die mit umweltschädlichen und womöglich gesundheitsschädlichen Chemikalien behandelt wurde?
Sollte man bei Primark kaufen, wenn gerade Primark die Wegwerfmentalität unterstützt, wodurch mehr Kleidung gekauft und produziert werden muss, indem sie einen dazu verleiten sich mit wenig Geld Tüten voll modischer Kleidung zu kaufen? Sollte man dort einkaufen, wo die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, dass die Arbeitsbedingungen schlecht sind?

Ich möchte außerdem noch auf ein paar Aussagen eingehen, die man gerade jetzt wieder vermehrt hört und liest:

Aussage: Würde man Primark boykottieren, würden die Textilfabriken pleite gehen und die Leute arbeitslos werden und nichts mehr zu essen haben und deswegen verhungern.

Die Argumentation zieht natürlich, weil sie ziemlich hart ist. Ich wage jetzt auch gleich mal zu erwähnen, wie viele Menschen beim Fabrikeinsturz in Rana Plaza ums Leben gekommen sind und man auch bedenken muss, wie viele Menschen die in Textilfabriken arbeiten, deswegen an gesundheitlichen Schäden leiden, sich aber keine medizinische Behandlung leisten können. Man ist also auch nicht besser, wenn man Primark nicht boykottiert und lustig weiter dort einkauft. Außerdem schafft nachhaltige und faire Mode auch Arbeitsplätze. Es geht ja nicht darum, den Menschen die Arbeit wegzunehmen, sondern ihnen bessere Arbeitsplätze zu verschaffen.
Außerdem ist es unmöglich, dass Primark von einem Tag auf den anderen Pleite geht und deswegen alle Aufträge zurückzieht. Zudem kann Primark gerne weiter produzieren, nur eben anders (was das Prinzip Mode zur Wegwerfpeisen vermutlich aufheben würde). Und um das klar zu machen, wäre ein Boykott sinnvoll, denn dann geht es dem Unternehmen finanziell mal an den Kragen. Man kann als Konsument aber auch andere Wege gehen, an Unterschriften Aktionen teilnehmen, Emails versenden oder direkt im Geschäft nachfragen, unter welchen Bedingungen der Anbieter produziert und klar machen, was man erwartet. Auch wenn es viele gerne ignorieren, um die Verantwortung von sich zu schieben: Auch wir Konsumenten haben Macht, indem wir Druck auf die Unternehmen ausüben.

Aussage: Besser die Arbeiter bekommen schlechtes Essen als gar kein Essen.

Warum schlechtes Essen wenn es auch etwas besser geht? Nur damit wir X T-Shirts für 4 Euro kaufen können. Bessere Ernährung würde auch helfen gesund zu bleiben.

Aussage: Die anderen sind doch auch nicht besser. Morgen ist es Unternehmen X.

Umso schlimmer. Ist es nicht gerade deswegen an der Zeit sich allgemein über sein Kaufverhalten Gedanken zu machen und nach Alternativen umzusehen, oder diese zumindest zu fordern? Es ist bestimmt nicht so, dass Primark alleine da steht und es gibt sicherlich auch Unternehmen die unter schlechteren Bedingungen produzieren lassen. Primark wird momentan ziemlich gehyped, die Städte sind voll mit laufenden Primark Tüten und jetzt hat es sie eben erwischt. Kein Grund das Thema an sich nicht ernst zu nehmen.
Ich persönlich finde Primark aus bereits genanntem Grund besonders schlimm: diese Kaufen-um-Wegzuwerfen Mentalität führt zu nichts Gutem.

Aussage: Ich habe kein Geld, mir andere Klamotten zu leisten.

Hört man dann auch gerne von Leuten, die für 70 Euro oder mehr regelmäßig die Taschen bei Primark mit Klamotten vollstopfen, die sie nicht brauchen, einiges davon selten tragen, einiges nach kurzer Zeit weggewerfen. Und das, um modisch zu sein und dem Prinzip der Fast Fashion treu zu bleiben, die mittlerweile bis zu 12 Kollektionen im Jahr produziert. Früher waren es mal zwei bis vier. Der Deutsche kauft im Durchschnitt 70 Kleidungsstücke im Jahr. Einige davon werden nie getragen. Darüber kann man sich auch mal Gedanken machen. Ja es ist wahr, dass faire und nachhaltige Mode oft teurer ist und es kann sich sicherlich nicht jeder leisten. Fairere Arbeitsbedingungen dagegen würden ein T-Shirt nicht so viel teurer machen. Teuer an nachhaltiger Mode sind oft auch die Materialien und Färbungen. Außerdem wäre es den Arbeitern der Textilfabriken gegenüber aber sicherlich fair, ehrlich zu sich selber sein und sein Konsumverhalten zu überdenken, weniger zu kaufen, mehr auf dem Flohmarkt oder beim Kleidertausch zu ergattern. Für ein großes Problem halte ich übrigens das mangelnde Angebot von fairtrade Mode. Das kann sich aber auch nur lösen indem die Nachfrage steigt.

Aussage: Die ganze Aktion ist gar nicht echt.

Egal ob sie echt ist oder nicht, das Thema ist nicht neu. Das wäre also kein Grund die Sache einfach zu ignorieren.

Das war mein Wort zum Sonntag ;-).

Was haltet ihr von der Aktion? Und was haltet ihr von Primark?

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Ebenfalls interessant

4 Kommentare

  • Antworten Julchen 1. Juli 2014 um 10:46 Uhr

    Die Aussagen am Ende des Posts kommen mir sehr bekannt vor, so etwas ist mir in letzter Zeit auch öfters begegnet. So langsam glaube ich, dass es manchen schlicht egal ist, wie die Sachen produziert werden, solange sie weiterhin billig und vor allem viel kaufen können. Die gleiche Einstellung findet man ja leider auch bei Lebensmitteln und anderen Produkten.
    Shopping ist Trend, ist sogar eine Art Hobby geworden und damit man diesem oft nachgehen kann, muss das Zeug eben billig sein. Letztens habe ich den Satz „die Moral macht Schulden“ in Bezug auf das Einkaufen bei Primark und Co. gelesen, irgendwie passt das schon.

    • Antworten Mari 2. Juli 2014 um 19:18 Uhr

      Stimmt, das passt.
      Ja, das mit dem Hobby Shoppen ist so eine Sache…und kommt auch mehr und mehr in Trend bei Männern. Dabei gibt es so viele andere schöne Hobbies (auch welche, die mit Mode zu tun haben).
      Liebe Grüße
      Mari

  • Antworten Oscura 11. August 2014 um 19:39 Uhr

    Toller Post! Kann ich so unterschreiben 😉

    • Antworten Mari 5. September 2014 um 11:53 Uhr

      😉

    Schreibe einen Kommentar